Linux als Desktop System

__ Dass Linux im Servermarkt hoch etabliert ist, ist unbestritten. Aber kann man Linux auch als Desktop System nutzen und vielleicht sogar die alltägliche Arbeit damit verrichten…?
Ein ausführlicher Test kommt zu einem eher ernüchternden Resultat. __

Vorwort

Linux ist in aller Munde, viele propagieren es als eine Alternative zu Windows, die wenigsten nutzen es täglich.
Ein neues ubuntu-Release, dass auf der Live-CD sehr viel versprechend ausgesehen hatte, gab Anlass, dieses mal zu installieren und über einen Zeitraum von 2-4 Wochen täglich zu nutzen, d.h. ohne Windows zu starten.

Anforderungen

Die Anforderungen waren klar: Ich sollte meine tägliche Arbeit damit verrichten können und mich wohl fühlen mit dem System. Als Sysadmin bin ich mir die arbeit mit Unix/Linux Servern gewohnt – Aber wie sieht’s mit Desktops aus? Installiert hatte ich es auf einem IBM R51.

Folgendes musste auf dem "neuen" Linux Desktop laufen:

  • Notebook: Hardware Unterstützung für WLAN, Bildschirm, Akku, Touchpad, Soundkarte und alles was man halt so dran hat.
  • Zugriff auf Windows Domain Controller und Fileserver
  • Lotus Notes
  • VNC
  • Putty (erweiterter SSH Client)
  • IBM TSM Client
  • Webradio
  • Textverarbeitung
  • MSN Messenger

Diese Anwendungen waren unverzichtbar und im Falle von z.B. Lotus Notes keine Alternativen möglich.

Erfahrungen

Installation

Nach der Installation erst mal ein erfreuliches Bild: Alle Hardware wurde einwandfrei erkannt; Soundkarte, WLAN, Touchpad, usw. funktionierten ohne irgendwas zu konfigurieren. -Kein wunder, trägt doch IBM sehr viel zur Linux-Unterstützung ihrer Hardware bei… 😉

SMB Zugriff auf den Windows Domaincontroller

Windows Freigaben konnten sich dank SAMBA relativ einfach mounten lassen. Anmelden beim Domaincontroller kann man sich aber natürlich von Linux aus nicht, weshalb man bei jedem Zugriff immer wieder das Passwort eingeben muss…

GUI (GNOME)

{188:left}Mit der Oberfläche liess sich gut arbeiten, aber hier wurden schon die ersten "Schwachpunkte" aufgedeckt: Da in Linux die Grafische Oberfläche unabhängig vom Kernel ist, dauert das Laden von Anwendungen generell etwas länger; bis zu 5 Sekunden Wartezeit für das öffnen eines Konsolenfenster, oder des Texteditor fand ich dann aber doch etwas sehr lang. In Windows kann ich beides praktisch ohne Verzögerung öffnen. Die Wartezeit nervt mit der Zeit, auch scheint die grafische Oberfläche nicht sehr stabil zu sein: Fenster "verziehen" sich gerne, Scrollbalken verschwinden oder funktionieren nicht mehr richtig, Fenster lassen sich manchmal nicht max- und manchmal nicht mehr minimieren. Letzteres könnte auch mit WINE zusammenhängen, wo wir gleich schon beim nächsten Punkt wären:

{183:left}!!Windows Anwendungen mit WINE
Lotus Notes gibt es bisher nur für Windows. Es soll aber mit WINE laufen.
Die Einrichtung von WINE ist dank dem Paketmanager APT relativ schnell erledigt, auch Windows Anwendungen lassen sich damit starten. Etwas Konfiguration braucht es noch bei Lotus Notes, aber schlussendlich läuft auch das.

Da Notes schon in der Windows Version äusserst instabil und langsam ist, hatte ich hier unter Linux nicht mehr erwartet und tatsächlich war es von der Stabilität/Schnelligkeit etwa gleich.

Leider treten ab und zu Darstellungsfehler auf; die Installation der Windows TTF Corefonts macht zwar schon sehr viel gut, aber eben doch nicht immer. Ausserdem muss man jeden Dateityp, den man als Anlage öffnen möchte separat in der WINE-Registry definieren. -Ein Vorteil immerhin: URLs in Mails werden nun immer in einem neuen Fenster geöffnet und nicht wie bei der Windows Version immer in gleichen.
-Im Endeffekt ist Notes zwar benutzbar unter Linux, trotzdem ist es ein klein wenig besser unter Windows; klar, da es dort nicht über eine "emulierte" API laufen muss.

Bei anderen Anwendungen wie z.B. die Windows Version von RealVNC kann man keine Umlaute wie ä, ö, oder ü benutzen, etwa weil man als Zeichensatz eine UTF Schriftart installiert hat, die von WINE offenbar nicht richtig unterstützt wird.

Nun, RealVNC gäbe es ja auch in einer reinen Linux Version, also diese installiert…

Linux Anwendungen / Alternativen

{184:right}…und gestartet. Doch leider scheint das eine total andere Version zu sein! -Das Eingabefenster für Server/Passwort ist so klein, dass man schon fast ne Lupe bräuchte und so ein praktisches Dropdownfeld, wo man einmal eingegebene Server wieder abrufen kann findet sich auch nicht.
Die Verbindung mit einem Remoterechner ist dann aber die Totale Katastrophe: Die Bildqualität ist um einiges schlechter als bei der Windows Version, die Scrollbalken verschwinden auf unerklärliche Weise (was ein remote arbeiten manchmal unmöglich macht) und der Refresh scheint nur sporadisch zu funktionieren; häufig "hängt die Bildausgabe hinterher". -Man muss also die zwei VNCs (Windows RealVNC über WINE und Linux RealVNC) kombinieren um damit arbeiten zu können. Das ist dann schon sehr mühsam.

Etwa gleich sah dann dafür der PUTTY Client aus. Zwar kann man unter Linux SSH-Verbindungen auch einfach über die Konsole machen, bei vielen verschiedenen Servern, mit denen man sich täglich Verbinden muss, ist dies aber nicht sonderlich bequem.
-Doch dann wieder muss ich feststellen, dass die Funktion des (selben!) Programmes gänzlich anders und viel mühsammer ist.
z.B. kann man die schrift fast nicht lesen und copy/paste mittels markieren mit der Maus geht auch nicht.
So habe ich für die genau gleichen vorgänge fast doppelt so lange.

Ebenfalls kein Problem war der TSM-Client; logisch, dieser wurde auch von IBM speziell für Linux entwickelt und ist im Test die _einzige_ Anwendung, die sogar besser läuft als unter Windows (dort ist halt die Windows Konsole etwas mühsam, da man sie nicht im Vollbild-Modus laufen lassen kann).
Einziger Knackpunkt war dort das Konvertieren des RPM-Packetes in eine Debian Packet und das Nachinstallieren einiger fehlender Libraries, da der TSM Client eigentlich für RedHat / SUSE gedacht ist… 😉

Beim Webradio wurde ich dann aber schon wieder enttäuscht… -Ich meine WinAMP und der Windows Media Player sind ja auch nicht das gelbe vom Ei… Aber unter ubuntu bekam ich in der Standardinstallation fast überhaupt keinen brauchbaren Player. Der "Rhytmic Player" konnte kein Webradio von di.fm Abspielen und ein anderer, von dem ich den Namen leider nicht mehr weiss auch nicht.
{189}
Der einzige der das konnte war der VLC-Player und der lief dafür ziemlich instabil… Ständig gab es wieder Verbindungsabbrüche bei denen der Sound stumm blieb und zum Neuladen musste man doch tatsächlich den Player neu starten und die URL wieder neu eingeben. grmpf

{185:left}
{186:left}Ebenfalls ein Kritikpunkt war der Firefox unter Linux: Formulare erschienen unvollstänfig, die Schrift sehr körnig. -Es ist gut möglich, dass dies nur daran liegt, das so viele Webseiten für IE/Windows "optimiert" wurden; als user interessiert mich das allerdings nicht, sondern nur, wie die Webseite bei mir aussieht. -Ganz miese Karten für Firefox/Linux.

Die Textverarbeitung konnte ich leider in der kurzen Zeit nicht richtig austesten, wobei ich hier sagen muss, dass ich Microsofts Word sehr mag! 😉

Mit GAIM stand dann auch ein ziemlich guter IM Client für MSN, ICQ, AOL,… zur Verfügung.

Weitere ubuntu Eigenheiten

Etwas, was auch stört bei ubuntu ist, dass man sich grundsätzlich nicht als root Einloggen kann, zumindest nicht bei der Grafischen Oberfläche. Dies mag ja gut gemeint sein, stört aber besonders am Anfang, wenn das System Einrichten will. -Dafür benutzt ubuntu ziemlich viele su & sudo-Aufrufe, was auch nicht unbedingt als sicher gilt. -Wenn es denn funktionieren würde! -Denn als User kann man bei ubuntu, z.B. wenn man die automatische Update Funktion nutzen will noch lange das root Passwort eingeben – Passieren tut dann anscheinend gar nichts…?!g
Auf jeden fall musste ich die neueren Pakete immer von Hand in der Konsole nachinstallieren mittels:
$su
#apt-get update && apt-get upgrade

um die nervenden Meldungen "dass neue Updates verfügbar sind" loszuwerden.

Fazit

Es ist zwar durchaus möglich mit Linux zu arbeiten und man _könnte_ auf Windows auch verzichten und sich daran gewöhnen, dass man nun halt "einige Einschränkungen in Kauf nehmen muss". z.B. dass Webseiten nicht mehr so schön aussehen, weil sie halt für Windows "optimiert" wurden, oder dass gewisse Anwendungen langsamer und/oder instabiler laufen als unter Windows.

Aber wieso soll mach sich selbst einschränken nur um Windows nicht benutzen zu müssen…? -Sowas ist meiner Ansicht nach krank! g

Linux ist ein tolles System, gehört aber in den Server / Terminal Markt und sicher nicht als Desktop-Multimedia-System in den Massenmarkt.

Mein Fazit lautet deshalb wie schon vorher nach wie vor:
Linux – Als Server "HUI", als Client "Pfui"! 😉

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